Saarland hilft Deutschland bei der WeltmeisterschaftDas Saarland ebnet Deutschland den Weg zur Weltmeisterschaft 1954 ![]() Was heute eine nostalgisch verbrämte Schmunzelgeschichte ist, hat vor 50 Jahren durchaus die Gemüter erregt. Denn im März 1954 machte die Fußball-Weltmeisterschaft in Saarbrücken Station. Das Qualifikationsspiel der Saarmannschaft gegen Deutschland (1:3) bleibt unvergessen.
Was, das ist schon 50 Jahre her? So fragen sich Zeitgenossen in diesen Tagen und legen die Stirn in Falten, wenn auf ein Fußball-Ereignis Rückschau gehalten wird, das in die Rubrik “Spiele, die man nicht vergisst” gehört. Vor einem halben Jahrhundert machte die Weltmeisterschaft in Saarbrücken Station! Nicht ganz oben vor dem Gipfel, sondern auf den unteren Etagen der Qualifikation. Als Folge des Zweiten Weltkrieges hing das Saarland politisch und wirtschaftlich am Rockzipfel Frankreichs. Der Saarfußball war eigenständiges Mitglied im Weltverband FIFA. Der gab dem Zwerg seine Qualifikations-Chance auf dem Weg zum Endturnier 1954 in der Schweiz. Die saarländischen Gegner: Norwegen und der spätere Weltmeister Deutschland! Die Emotionen hatten freie Bahn; die am Saarufer herrschende Politik des Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann (Joho) und der Deutsch-Patriotismus im kleinen Land lieferten sich ein kämpferisch starkes Vorspiel. Zudem hätte die sportliche Ausgangslage vor dem Spiel zwischen der Saarauswahl und der deutschen Nationalmannschaft am 28. März 1954 im Stadion Ludwigspark nicht spannender sein können: Sepp Herbergers DFB-Truppe wäre im Fall einer Niederlage in die WM-Warteschleife gedrängt worden. Mit einem Heimsieg hätte Helmut Schöns Saarmannschaft Punktgleichheit und ein Entscheidungsspiel in Paris erzwungen. Dies war nämlich vorausgegangen: Außenseiter Saarland hatte mit einem 3:2-Sieg in Oslo gegen Norwegen zum Auftakt mehr als kräftig auf die Qualifikations-Pauke gehauen. Deutschland musste sich im Land der Fjorde mit einem dürftigen 1:1 begnügen, gewann aber die Heimspiele gegen das Saarland in Stuttgart (3:0) und in Hamburg gegen Norwegen (5:1). Die Skandinavier verließen im Herbst 1953 das Saarbrücker Stadion mit einem schmeichelhaften 0:0 (40.000 Zuschauer).
![]() Blenden wir zurück: Am Sonntag, dem 28. März 1954, wurde die saarländische Landeshauptstadt aus ihrer Beschaulichkeit gerissen. Am Hauptbahnhof herrschte Hochbetrieb; ein Sonderzug nach dem anderen lief ein. Die Züge rollten aus allen Teilen der Bundesrepublik an. Zudem war eine Bus-Armada in Richtung Ludwigspark unterwegs. 53 000 Zuschauer sahen das Fußball-Festival zwischen den großen und den “kleinen” Deutschen. Alles verlief friedlich; “Randale” war damals noch ein Fremdwort. Jüngere Fans kletterten im Wald hinter dem Stadion waghalsig auf die Bäume und genossen so als “blinde Passagiere” den hohen Unterhaltungswert des Qualifikationsspiels. Die Saarauswahl - das waren elf Saarbrücker Spieler; zehn vom 1. FCS und ein überragender vom SV Saar 05 (Kurt Clemens). Eine eingespielte Truppe, die in vielen Freundschaftsspielen auf der internationalen Ebene Furore gemacht hatte.
Der Saarspieler Herbert Binkert, heute 80, erinnert sich: “Es war eine tolle Sache, vor einer solchen Kulisse spielen zu dürfen. Die Politik war für uns kein Thema; wir hatten Spaß am Spiel und selbst gute Chancen zur Teilnahme am Endturnier in der Schweiz. Zumindest wollten wir die DFB-Mannschaft zu einer großen Anstrengung zwingen.” Das gelang den Saarländern trotz der 1:3-Niederlage. Auch ein halbes Jahrhundert danach zweifelt Binkert die Korrektheit des dritten Treffers durch den Kölner Hans Schäfer an: “Der hat unseren Torhüter Erwin Strempel klar regelwidrig behindert!” Der einstige Stürmer glaubt dafür den Beweis in seinem Bischmisheimer Haus zu haben: “Meine Söhne Manfred und Gerhard haben mir mal zum Geburtstag eine Kassette mit Filmausschnitten der damaligen Wochenschau vom Spiel im März ‘54 geschenkt. Wenn ich mir den Film anschaue, bin ich davon überzeugt, dass der 3:1-Treffer nicht regulär war.”
![]() Herbert Martin aus Ensdorf, damals torgefährlicher Offensivmann beim 1. FCS, der gegen Deutschland seelenruhig den Handelfmeter zum 1:2-Anschlusstreffer verwandelte, setzt noch eins drauf: “Nach Vorlage von Clemens habe ich ein schönes Tor zu unserer 1:0-Führung erzielt, doch der Schiedsrichter wollte Abseits gesehen haben. Dabei bin ich erst gestartet, als der Ball schon zu mir unterwegs war. Und der Zeitpunkt des Abspiels war ja wohl schon damals ausschlaggebend.” Martins Kritik wird in der Buch-Dokumentation “Deutschlands Fußball-Länderspiele” gestützt: “13. Minute: Nochmal viel Glück, für die deutsche Mannschaft, als Kohlmeyer mit einer Reflexbewegung mit der Hand zum Ball ging. Der Elfmeterpfiff, über den sich niemand hätte beschweren können, blieb jedoch aus. 17. Minute: Unverständlich, dass Schiedsrichter Bronkhorst (Holland) ein herrliches Tor von Martin, dessen knallharter Schuss unhaltbar an Turek vorbei ins Netz flog, annullierte. Angeblich hatte Martin vorher Abseits gestanden, aber der Linienrichter hatte seine Fahne nicht gehoben.”
Die Lauterer Brüder Fritz und Ottmar Walter hatten nacheinander nur je eine Halbzeit gespielt; der listige Sepp Herberger hatte das mit Verletzungen zu begründen versucht. Doch den sonstigen Spiellenker Fritz Walter konnte er so als Mittelstürmer 45 Minuten lang der harten Bewachung des Saarbrückers Waldemar Philippi (“Fips”) entziehen. Beide hatten sich oft in Punktspielen der Oberliga Südwest hautnah gegenüber gestanden. “Wenn wir bei Homburg über die Grenze zum Spiel in Richtung Saarbrücken gefahren sind und ich an den Fips gedacht habe, hat sich schon mein Magen gedreht”, bekannte das 2002 verstorbene Pfälzer Idol einmal seine Scheu vor den Zweikämpfen mit Philippi.
![]() Deutschland also in der Schweiz mit von der Partie und das mit Riesenerfolg: Sensationeller 3:2-Sieg im Finale über den haushohen Favoriten Ungarn, dessen Verbandstrainer Gustav Sebes in Saarbrücken Anschauungsunterricht genommen hatte, aber vom Verlierer Saarland mehr beeindruckt war als von der Herberger-Equipe: “Helmut Schön hat eine ganz tolle Truppe; sie hätte hier und heute den Sieg verdient gehabt!” Der Saar-Verband lud seine wackeren Streiter zum Besuch des Endspieles in Bern ein; im legendären Wankdorf-Stadion drückten sie der Mannschaft um Fritz Walter kräftig die Daumen und zählten hinterher zu den ersten Gratulanten beim neuen Weltmeister.
Die herrschende Saar-Politik hielt sich bei dem brisanten Treffen im Ludwigspark einigermaßen dezent zurück. Sie erwartete von diesen “offiziellen Länderspielen” mit Deutschland einerseits eine weitere Festigung ihrer internationalen Position, zum anderen sollten über den Fußball die deutsch-patriotischen Sympathie-Bekundungen im Lande nicht überschwappen. So waren Ende März ‘54 im Stadion mitten unter den fröhlichen Zuschauern 200 Kriminalbeamte in Zivilkleidung stationiert. Auch sie hatten offenbar Freude am Spiel und griffen auch nicht ein, als irgendwo im nahen Wald lautstark die Schallplatte des Deutschland-Liedes abgespielt wurde. Den Verzicht auf Hymnen hatten vorher beide Seiten erklärt, wie schon beim Hinspiel in Stuttgart. Nur einmal wurde im Saarbrücker Vorfeld massiv eingegriffen: Auf Joho-Geheiß musste der Chef des Saarländischen Fußballbundes (SFB), Hermann Neuberger, im Stadionprogramm den Begriff “Mutterland” in Zusammenhang mit Deutschland entfernen lassen.
![]() Ein Schlupfloch in den Ludwigspark hatte an jenem Tag der Drogist Ferdi Hartung gefunden. Nebenher war er damals Foto-Amateur, dem Sportszenen besonders viel Spaß machten. Ohne offizielle Fotokarte mogelte er sich in den Innenraum des Saarbrücker Stadions und bannte das Geschehen auf den Film. Weit mehr als 100 Fotografen und Journalisten aus der Bundesrepublik und aus dem Ausland waren zu dem Großereignis an die Saar gekommen. Der regelwidrige Ludwigspark-Einstieg ermunterte den später renommierten Sportfotografen aus Saarbrücken, diesen kartenlosen Weg auch beim WM-Endturnier in der Schweiz zu versuchen. Hartung fuhr mit dem Motorroller nach Lausanne zum Eröffnungsspiel zwischen Jugoslawien und Frankreich. Die Ordnungspolizei holte ihn zweimal aus dem nicht umzäunten Innenraum des Stadions, beim drittenmal gab es Arrest unter der Tribüne bis zum Schlusspfiff. “Beim Berner Finale aber brauchte ich mich nicht als blinder Passagier einzuschleichen”, erzählt Hartung. “Weil ein Kollege das vermeintliche Debakel der Deutschen gegen Ungarn nicht miterleben wollte, schenkte er mir seine Armbinde.”
![]() Übrigens: Im Stadion Ludwigspark hatte zuvor noch einmal an der Weltmeisterschaft “geschnuppert” werden dürfen. Der zweifache Weltmeister Uruguay forderte die Saar-Auswahl im Testspiel (1:7) heraus. Da hatte der spätere Bundestrainer Helmut Schön seine vorher eingespielte Truppe jedoch auf etlichen Positionen verändert. Die FIFA-Mitgliedschaft des Saarlandes endete 1956, als die politische und wirtschaftliche Rückkehr nach Deutschland in Vorbereitung war.
Als die Weltmeisterschaft 1954 gewonnen war, reiste die siegreiche Mannschaft zusammen mit Sepp Herberger durch ganz Deutschland. Eine Station war auch das schöne Dingolfing an der Isar. Dort in Niederbayern erhielt der Redakteur der saar-page im zarten Alter von drei Jahren aus den Händen von Helmut Rahn die nachstehend abgebildete Postkarte mit den Unterschriften aller Spieler und des Trainers. Ein wahrer Schatz. Und wenn das Saarland Deutschland nicht hätte gewinnen lassen, wäre daraus nichts geworden...
Dingolfing an der Isar
Die Helden von Bern!
Quelle: http://www.saarland.de/34082.htm |
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